097 - stiller Rebell - SA. 7.4.1571

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Eine Woche vor der Krönung, am Abend vor Palmsonntag, gibt Ludo für alle bereits in der Stadt anwesenden Gäste ein großes Staatsbankett. Er hat sich vorgenommen, möglichst einige seiner Adligen etwas kennen zu lernen schon vor der Krönung, wo sich alle an eine strenge Ettikette halten müssen. Der große Saal des Schlosses ist mit einer endlos langen Tafel versehen, zwei lange Reihen akkurat ausgerichteter Stühle ziehen sich daran entlang, Kristallgläser glitzern im Schein der hunderten von Kerzen in den Kronleuchtern und Ludo und ich stehen am Eingang dieses Saales, um die Gäste zu empfangen. Der alte Herr von Pagenstecher hat die ehrenvolle Aufgabe, den Namen jedes eintreffenden Gastes laut zu verkünden. Ganze Familien mit wohlklingenden Namen erscheinen vor uns, fallen in tiefe Knickse, machen Verbeugungen und danken für die Einladung. Ich spüre ein Kribbeln der Ungeduld in mir, aber ich sehe gleichzeitig auch, dass Ludo dabei ganz ruhig ist und mit Geduld und Konzentration diesen Moment erlebt.
Wie gut, dass ER der Herzog wird. Ich würde hier wahnsinnig werden!
Der Saal füllt sich mit Menschen, die untereinander tuscheln, sich begrüßen, uns beäugen. Bedienstete laufen dazwischen hin und her und bieten Erfrischungen an, es summt wie in einem Bienenkorb.

Die einzig positive Unterbrechung dieser Narrenparade ist das Eintreffen von Karl von Pagenstecher mit seiner Schwester Clara am Arm. Ludos Augen leuchten auf, als er Claras Knicks mit einer Verbeugung beantwortet und ihr einen Moment lang tief in die Augen schaut. Und Karl erlaubt sich einfach entgegen aller Ettikette, mich fest in die Arme zu nehmen. Dabei flüstert er mir mit breitem Grinsen etwas zu.
„Ob unsere beiden Turteltäubchen wohl endlich zu Potte kommen?"
Ich boxe ihm mit einem Augenzwinkern vor die Schulter, ignoriere die empörten Blicke einiger älterer Hochwohlgeborener und schiebe Karl schnell weiter.

Von Pagenstecher kündigt grade eine Familie von Thaden an, als ich genauer hinsehe und mir das Lachen verkneifen muss. Ich blicke Ludo nicht an, weil ich genau weiß, dass auch er sich grade sehr beherrschen muss. Wir sehen vor uns ein würdiges Elternpaar, zwei herausgeputzte Töchter, die schon etwas verblüht sind, aber des langen und breiten mit all ihren Vorzügen angepriesen und uns auffällig direkt unter die Nase geschoben werden – und zwei Söhne. Der offensichtlich Ältere hat die Nase hoch im Wind und trägt seinen Stolz auf einem Silbertablett vor sich her. Der Jüngere dagegen läuft angesichts der schamlosen Präsentation seiner Schwestern dunkelrot an und schreit förmlich nach einem Mauseloch zum Verkriechen.

Der junge Mann sieht bescheiden und sympathisch aus, er hat Manieren und scheint der Klügste in dem ganzen Haufen zu sein. Ich beschließe, dass ich mich seiner später etwas annehmen will. Ich beobachte, wie er sich so schnell und so unauffällig wie möglich von seiner Familie absetzt und sich in eine Ecke des Saales als stiller Beobachter des bunten Treibens zurückzieht. Ich bin nur noch mit halbem Herzen bei der endlosen Parade von weiteren Gästen, denn der jüngere von Thaden macht mich neugierig.

Als schließlich alle Gäste eingetroffen sind, begeben Ludo und ich uns zu unseren Sitzen am Kopf der langen Tafel. Da ich nominell noch der Herzog bin, begrüße ich unsere Gäste, gebe dann aber das Wort an Ludo weiter. Wir stoßen an, setzen uns und bekommen bestimmt zwei Stunden lang ein köstliches Gericht nach dem nächsten gereicht. Silberne Schüsseln und Platten in endloser Abfolge werden voll hereingetragen und wandern leer wieder hinaus. Ich genieße das leckere Essen. Aber eine leise Stimme in meinem Hinterkopf erinnert mich daran, dass der morgendliche Getreidebrei in Annas Hütte mit innigem Gebet, großer Dankbarkeit und fröhlich plappernden Kindern so viel glücklicher genommen und zufriedener gelöffelt wurde, als hier in steifem Gewand unter den Blicken aller Adligen dieses Landes diese Köstlichkeiten zu verspeisen.

Als Ludo schließlich die Tafel aufhebt und sich überall zwanglos plaudernde Grüppchen bilden, geht er drauflos, um sich mit einigen Herrschaften direkter zu unterhalten. Ich beneide ihn nicht um die höchst wichtige Aufgabe, nur ja niemand in der falschen Reihenfolge anzusprechen und dadurch jemand in seinem Rang herabzuwürdigen. Ich dagegen lasse meine Augen durch den Saal wandern auf der Suche nach dem jungen von Thaden. Wieder hat er sich an den Rand des Saales verzogen, wieder möglichst weit weg von seiner Familie, wieder hält er sich, ohne viel zu trinken, an einem Glas Wein fest und beobachtet angewidert das viele künstliche Getue im Saal. Ich geselle mich zu ihm.

Als er mich kommen sieht, versteift er sich, grüßt mich ausgesprochen höflich und ist nicht leicht in ein Gespräch zu ziehen. Aber nach einer Weile treffe ich doch seinen Humor und kann ihn wieder etwas auftauen. Immerzu sprechen mich Menschen an und wollen meine Aufmerksamkeit, aber ich weiche nicht von seiner Seite. Als wir mal wieder ungestört sind, fängt er an zu drucksen. Dann gibt er sich einen Ruck.
„Verzeiht, Hoheit, wenn ich eine sehr neugierige Frage stelle."
Abwartend sieht er mich an, und ich nicke ihm lächelnd zu.
„Wie kommt es, dass Ihr Euer angestammtes Recht aufgebt und auf die Herzogenwürde verzichtet? Was ist so verlockend, dass Ihr dafür Ehre und Würde und Pflichtbewusstsein und Ruhm fahren lasst?"
Nun ist die Neugierde, gepaart mit dem unsicheren Gefühl, ob er mir nicht zu nahe tritt, nicht mehr zu übersehen in seinem Gesicht.

Ich überlege nur kurz, wie offen ich sein will. Aber aus seiner Frage spricht unverhofft ganz viel Not.
„Ich habe mich mein Leben lang immer lieber draußen als drinnen aufgehalten, ich wollte noch nie Herzog werden, und mein Bruder hat all die Jahre mit sehr viel mehr Interesse den wie-werde-ich-ein-guter-Herzog-Lehrstunden gelauscht als ich. Alleine diese endlose Begrüßungszeremonie vorhin würde mich in den Wahnsinn treiben, müsste ich das mein ganzes Leben lang machen. Mein Bruder hingegen hat mit Engelsgeduld jede Schmeichelei durchschaut und weggelächelt. Er wird diese Aufgabe mit Hingabe und Umsicht annehmen. Mich hätte es ein Leben lang gequält."

Ein tiefes Stöhnen entflieht dem jungen Mann neben mir.
„Ach, könnte ich doch auch einfach machen, was ich will!"
Wir schweigen einen Moment. Dann fasst er sich wieder.
„Was werdet Ihr stattdessen tun, Hoheit?"
Ich muss über meine Antwort nicht lange nachdenken.
„Ich werde meinem Herzen folgen."
Dann öffne ich mich ihm, erzähle, dass es mir wohl ähnlich ging wie ihm jetzt, dass ich geflohen bin und dabei in meinem ererbten Lehen meine Bestimmung gefunden habe.
„Ich werde dort leben. Ich werde viel draußen sein, ich möchte Kontakt haben zu den Menschen, die mir anvertraut sind. Und der nächste Adelige, der das Bedürfnis hat, mich Hoheit zu nennen, ist einen ganzen Tagesritt weit weg!"
Ich spüre selbst, wie befreit ich klinge, wenn ich das sage. Und er lacht endlich.

„Ihr seid zu beneiden, Ho... Wie ... möchtet Ihr denn angeredet werden?"
Ich schmunzele.
„Die Menschen dort nennen mich einfach 'Herr', und ich bevorzuge die Sorte, die nicht auf Knien vor mir rutscht sondern mir ehrlich ins Gesicht sagt, wenn ich grade Unsinn mache."
Erstaunt zieht er eine Augenbraue hoch.
„Das lasst Ihr Euch gefallen?"
„Von Herzen gern. Denn es zeigt mir, dass diese Menschen mir vertrauen, statt sich vor mir zu fürchten."

Von Thaden seufzt.
„Ich wurde dazu erzogen, der Verwalter meines eigenen Bruders zu sein. Aber Ihr habt ihn vorhin erlebt. Er ist überheblich und stolz und behandelt die Menschen, die ihm sein Auskommen bescheren, von oben herab. Er ist gnadenlos und verlangt von mir, dass ich dasselbe tue. Ich bin gerne draußen, die Verwaltung seiner Ländereien macht mir Freude. Aber ich komme mit ihm nicht aus, und er hört nicht auf mich. Das vergällt mir alle Freude."

Nun werde ich hellhörig.
„Was würde passieren, wenn Ihr Euch weigertet, für Euren Bruder zu arbeiten, weil Ihr – sagen wir mal – in einem anderen Lehen eine Stelle als Verwalter anträtet?"
Gespannt erwarte ich seine Antwort.
„Ich wüsste nicht, wie ich an eine andere Stelle kommen sollte. Ich würde mit wehenden Fahnen dorthin eilen und mich keinen Heller um die Empörung meiner Familie scheren. Nur fort von dort!"

„Nur fort von dort ist aber eigentlich kein schönes Ziel. Wovon träumt Ihr, von Thaden?"
Erstaunt sieht er mich an.
„Das hat mich in meinem ganzen Leben noch nie jemand gefragt. Wovon ich träume!"
„Und? Wovon träumt Ihr?"
„Von einer Stelle als Verwalter bei einem Herrn, der mich und jeden anderen Menschen in seinem Lehen achtet und sein Herz dareinlegt, seiner Verantwortung für diese Menschen gerecht zu werden."
Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht sein würde, einen würdigen, kompetenten und menschlich zu mir passenden Nachfolger für den alten Bader zu finden!

„Dann würde ich sagen: fahrt nach der Krönung nach Hause, packt Eure Sachen und probiert aus, wie Euch das Leben in Gieboldehusen behagt. Ich habe einen sehr alten, humorvollen, selbstbewussten Verwalter aus dem Ruhestand zurückgeholt, weil der letzte nichts taugte. Und nun bin ich auf der Suche nach einem Jüngeren, der eingearbeitet werden kann, damit der alte Mann zurück auf sein wohl verdientes Altenteil kehren kann."
Stumm starrt er mich an und versucht, meinem Gesicht abzulesen, ob ich das ernst meine.
„Und: ja, das meine ich ernst. Ich habe das Gefühl, dass Ihr mein Mann seid. Wenn Ihr das wollt."

„W... das ... Ich ..."
Er verschluckt sich fast an seinen Worten.
„Herr, das ... Bitte, sagt mir, wie groß ist das Lehen? Was gehört alles dazu? Was wären meine Aufgaben? Ich ... will sicher sein, dass ich dem gewachsen bin und Euch nicht enttäusche."
„Eine kleine Stadt mit Markt und Umland, ein Hospiz, ein Waisenhaus und drei Dörfer mit Land. Dazu einen Teil der Südgrenze Richtung Eichsfeld. Selbstbewusste Bauern, die lange unter dem letzten Verwalter gelitten haben und sehr ausgebeutet wurden. Es gibt also viel zu tun, um wieder Gerechtigkeit und Ruhe ins Lehen zu bringen. Der Lohn dafür sind dankbare, treue Untertanen und ein Herr, der sich auf humorvolle Gespräche mit einem Gleichgesinnten bei Tisch freut."

Seine Augen schweifen in die Ferne. Er flüstert nur.
„Das ist viel. Ob ich das schaffe? Aber so eine Gelegenheit kommt nicht wieder!"
„Macht Euch keine Sorgen, von Thaden. Der alte Bader ist ein wundervoller und sehr humorvoller Mensch, der so viele Jahre lang dieses Lehen verwaltet hat, bevor er in den Ruhestand ging. Er wird Euch einarbeiten, bis Ihr jeden Stein im Land mit Vornamen kennt. Ich weiß, dass Ihr das schaffen könnt, wenn es Euer fester Wille ist. Denn Eure Einstellung dazu ist die Richtige. Alles andere wird sich finden."

„Herr, ich ... bin überwältigt. Ich wurde gezwungen, mit hierher zu reisen. Das alles hier ist mir so fremd und unehrlich und ... Und nun finde ich hier mittendrin mein Glück!"
Ich halte ihm meine Hand hin.
„Wie schnell werdet Ihr Euch lösen können?"
Er ergreift meine Hand, und seine Stimme zittert ein wenig.
„Keine Sorge! Sollen sie toben. Ich werde packen und nicht lange um Erlaubnis bitten. Wenn der Bruder des Herzogs nach mir ruft, können sie mich nicht halten. Sollen sie meinetwegen damit angeben, um sich meine Flucht schön zu reden. Wenn ich nur frei bin."

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7.4.2020

der ältere Bruder von Thaden:

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